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NewPay – oder: Wie viel bist du wert?

NEWPAY – ODER: WIE VIEL BIST DU WERT?

So lautet der Betreff des Newsletters bei t3n Magazin am 17. Oktober 2017.

Ich weiß, eine wichtige Aufgabe des Betreffs ist es, die Öffnungsrate des Newsletters zu erhöhen. Und tatsächlich, es funktioniert. Auch ich klicke darauf und öffne ihn. Die Neugierde treibt mich: Was steckt wohl hinter dieser Frage?

Schnell erhalte ich meine Antwort:

Das auserkorene Thema des Newsletters ist der Stundenlohn von Freelancern.

Ein ungutes Gefühl schleicht sich ein: Ich fühle mich irgendwie betrogen.

Welches Selbstwertgefühl soll hier erzeugt werden? Was würde es bedeuten, wenn jeder Mensch den Selbstwert am eigenen Stundenlohn misst? Wenn der Wert als Mensch allein von dem Wert der Bezahlung der Arbeit abhängt?

Der Betreff setzt meiner Meinung nach Dinge in Relation, die keine Relation besitzen. Wie so oft bei solchen Headlines bauscht er Dinge auf, hinter denen viel weniger oder etwas ganz anderes steckt. Und kreiert so Zusammenhänge, wo es keine gibt. Vor allem aber reduziert er die Wahrnehmung und das Verständnis auf einen bestimmten Teilsachverhalt:

Ich beginne nachzudenken.

Ich bin nun schon 5 Jahre selbstständig tätig. Bestimme seit dieser Zeit den Preis für meine Arbeit selbst. Viele Faktoren fließen in meine Preisgestaltung ein. Das Produkt, der Nutzen, die Abnehmer, ihre Finanzkraft, die Langfristigkeit des Auftrags. Der Aufwand, der für mich in der Erbringung einer Leistung steckt, etc.

„Wie viel bist du wert?“ Die Frage setzt sich in meinen Gedanken fest.

Das ist genau die Art Message, die wir nicht noch weiter verbreiten müssten. Es ist das perfekte Negativbeispiel dafür, was junge Nachwuchs-Freelancer nicht lesen, lernen und verinnerlichen sollten. Dieser Betreff in dieser Art von online Magazin ist rundum irreführend denke ich.

Für mich fühlt es sich sehr klar und deutlich wie eine gelungene Form der Kontrolle und Reduktion an.

Denn ich bin einfach anderer Meinung:

Jeder Mensch ist unabhängig von seiner Arbeit und erst Recht von seinem Stundenlohn gleich viel Wert.

Soweit einmal zur Theorie. Doch wie sieht die Praxis aus?

Wir befinden uns alle unbestrittenermaßen in ständigem Geldvergleich und die Bemessung von Menschen an ihrem Geldwert scheint sich als Standard in unserer Gesellschaft zu halten.

Doch, was würde eigentlich geschehen, wenn wir nun wirklich dieses sehr reduzierte Menschenbild auf alles und jeden übertragen? Wenn wir tatsächlich unseren Wert an unserem Stundenlohn errechnen würden? In welcher Welt würden wir dann leben?

Ist dann ein Rentner gar nichts mehr wert?

Was ist ein Kind wert?

Was sind all die sozialen Engagements wert oder das Ehrenamt?

Ich mache einen Ausflug zu Facebook. Ich möchte den Newsletter nicht unkommentiert lassen und schreibe einen Post. Ich zitiere t3n und füge einige Worte hinzu: „Wir brauchen ein neues Werteverständnis, für uns Menschen.“

Neben einigen Kommentare der Leser, finde ich diesen hier:

„Wenn jemand mir sagt, dass er seinen Job hasst, dann frage ich schon mal nach, wie viel er so verdient“ (Anonym).

Ich antworte: „Um zu erfahren, ob es sich lohnt?“.

Anonym: „Ja, um zu wissen, ob die Quälerei sich mindestens auszahlt“.

Es scheint so, als könne man sich für den zugefügten „Schmerz“ bezahlen lassen. #newpay erhält dadurch eine völlig neue Dimension. Eine mir persönlich sehr fremde Position und doch in etlichen Branchen durchaus verbreitete.

Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, dass wir einen vermeintlichen Wert haben, der am Markt gezahlt wird. Für unser Dasein, für unsere Arbeit.

Es geht darum, dass wir bezahlt werden dafür, uns selbst wissentlich Schaden zuzufügen. Und zwar indem wir einer Tätigkeit nachgehen, die uns weder entspricht, noch erfüllt oder befriedigt. Zu einem Preis, der im individuellen Maßstab entsprechend hoch genug ist, damit er diesen „Schmerz“ „wert“ ist.

Wie viele Menschen es wohl geben mag, die genau nach diesem Prinzip abrechnen? Die genau wissen, dass der Job, den sie ausüben, ihnen schadet, sich aber wegen des Geldes immer weiter dafür entscheiden. Die sich sagen, „ein Jahr noch, dann habe ich die Position, den Rang, das erreicht oder angespart, was ich brauche, dann kündige ich“. Ich beginne, in Gedanken meinen Bekanntenkreis durchzugehen und muss sagen: Ich kenne einige.

Die Vorstellung, dann in der Zukunft die eigene Gesundheit, das eigene Glück, Zufriedenheit oder Wohlsein zurückkaufen zu können, mit dem „hart“ verdienten Geld, scheint mir sehr verbreitet.

Ich frage mich, warum sich eine solche Bezahlung für „Pain“ eigentlich durchsetzen kann, und wann oder wodurch sie die Kraft oder Attraktivität verlieren könnte.

Meine Ansatz:

Je bewusster wir uns unserer eigenen Stärken, unserer menschlichen Werte, unserer Vision und Ziele sind, desto schwieriger wird es, sich für ausgehaltenen Schmerz bezahlen zu lassen.

Es sei denn, der Schmerz hat an sich einen hohen individuellen Stellenwert.

Eine Bezahlung für Schmerz, das Verharren an einem Ort oder in einer Position, nur des Geldes wegen, funktioniert meines Erachtens allein in Systemen, in denen andere die Entscheidungshoheit darüber haben, wie viel wir in diesem System als Mensch in Geld wert sind.

Dies kann nur dann gegeben sein, wenn die Menschen sich dieser Entscheidungshoheit unterordnen. Mitsamt ihren Werten und ihrem Selbstwert.

Die Relation des Menschen zu dem von ihm erwirtschafteten Geld wird aktuell in vielen Kontexten hinterfragt. Es gibt an jeder Ecke „Geldseminare“, in denen ich angeblich lernen kann, einen „gesunden“ Umgang mit Geld zu entwickeln, Geld in meinem Leben willkommen zu heißen und vor allem, Geld für mich arbeiten zu lassen. Passives Einkommen scheint der Schlüssel zu ewigem Glück: Und Dank datenbasierter, geldgenerierender Systeme, die sich jeder selbst „bauen“ kann, lockt das Versprechen, nie wieder arbeiten „zu müssen.“ Ein wohl sehr attraktiver Ansatz für viele, aus dem System Geld- Schmerz, auszusteigen.

Doch nicht nur auf individueller Ebene soll das Geld für uns arbeiten. Auch sich paralell entwickelnde Geldsysteme sorgen für Wandel und verändern das Werteverständnis von Arbeit.

Neue Modelle von Tauschwährungen und datenbasierten Geldlogiken, wie z.B. Bitcoins machen die Existenz einer übergeordneten Instanz überflüssig, die den Wert von Geld, von Arbeit oder den Menschen innerhalb des Systems festlegt.

Ich bin überrascht über die Gemeinsamkeiten:

Anscheinend versuchen wir eine neue Verantwortungsinstanz zu schaffen, die den Wert von Arbeit definiert, um uns selbst aus der modernen Sklaverei des Geldes herauszulösen.

Entweder indem wir selbst den Steuerungshebel in die Hand nehmen und ein eigenes geldschaffendes System entwerfen. Wir selbst also steuern und nicht mehr gesteuert werden.

Oder, indem sogar die Verantwortung, die „Macht“ der Steuerung von Arbeit und Geldwert komplett einem Algorithmus, einer Maschine übergeben wird.

Inwieweit diese „neuen Geldsysteme“ tatsächlich einen fairen Geldwert, eine faire Bezahlung erzeugen können, inwieweit sie zu mehr Zufriedenheit, zu mehr Gerechtigkeit beitragen, ist fraglich.

Denn was Algorithmen fehlt, ist die verbundene fühlende, menschliche Komponente. Ein verbundenes Bewusstsein, was eben nicht nur datenbasiert, sondern auch „menschlich“ ansetzt.

Die Frage, die wir stellen sollten: Ist es überhaupt möglich, den Wert eines Menschen zu messen? Ist es moralisch und ist es notwendig? Und vor allem: Wie wollen wir die Algorithmen speisen, welche Werte sollen ihnen zu Grunde liegen? Nach welchen Parametern soll der Algorithmus unsere Arbeit, unser Menschsein bemessen? Oder ist es wichtig, ja notwendig, dass wir umdenken?

Um zufriedenstellende Antworten auf diese Fragen zu erhalten, reicht es nicht aus, der Maschine die komplette Macht zu übertragen. Wir selbst müssen Verantwortung übernehmen, müssen unser Denken und Fühlen, unsere Wahrnehmung für komplexe Zusammenhänge weiterentwickeln, damit wir die Algorithmen in einer menschlichen Art und Weise einsetzen können.

Dafür brauchen wir Bewusstsein.

Hast du bereits über bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert?

Wenn ich darüber nachdenke, wie unterschiedlich, die mir entgegengebrachten Reaktionen bisher waren, gibt dies schon sehr interessante Einblicke:

Je nachdem, welches Menschenbild und welches gesellschaftliche Verständnis zu Grunde liegt, je nachdem, ob wir dem Menschen eigenverantwortliches Arbeiten, intrinsische Motivation, Selbstführung und Selbstorganisation zutrauen, oder nicht, sind wir Befürworter eines solchen Ansatzes oder eben Gegner.

Oder aber die Frage:

„Was würdest du tun, wenn du für deinen Lebensunterhalt nicht arbeiten müsstest?“.

Diese Frage überfordert immer noch zu viele Menschen, denn für ihre Beantwortung müssten wir eine neue Selbstbewusstheit ausbilden.

Ein Bewusstsein, das über die Grenzen aktuell bestehender Systeme hinausgeht. Ein Bewusstsein, in dem sich jeder Mensch selbst als fühlendes, komplexes Wesen in einer Vielfalt von fühlenden und komplexen Wesen erkennt.

Ich möchte dich auf ein Gedankenexperiment einladen:

Setzen wir einmal voraus, dass wir Menschen dieses Bewusstsein über unsere Verbundenheit besitzen.

Je tiefer wir in einem solchen Bewusstsein vordringen, je mehr jeder Mensch von sich selbst und seiner Verbundenheit „versteht“, desto geringer ist die Bedeutung von reinem Geldwert und desto weniger sinnhaft die Bemessung von Menschen an ihrer Produktivität.

Denn in einem solchen „verbundenen“ Bewusstsein erkennt das Individuum die eigenen, natürlichen, inneren Werte, sowie die eigenen Potentiale und letztlich den eigenen Beitrag, während es gleichzeitig anerkennt, dass jeder Mensch einen solchen individuellen Beitrag leistet.

Das würde für größere Organisationen und Systeme bedeuten, dass es plötzlich „logisch“ wäre, einen Mitarbeiter im Team zu behalten, der zwar monetär „nichts“ produziert, dafür aber das Team durch seine Anwesenheit zusammenhält.

Oder es wäre plötzlich sinnhaft, eine Gesellschaft als gesund zu betrachten, in der tatsächlich jeder Mensch gleich viel Wert ist, egal, welche „Behinderung“, welche „psychische Krankheit“, welchen Background er oder sie hat. In den vermeintlichen Schwächen, würden wir nicht Bremsen der Entwicklung, sondern Entwicklungspotentiale erkennen – Lernfelder für die Gemeinschaft.

Das wäre allzu schön und ist tatsächlich erlernbar:

Dieses verbundene Verständnis und Bewusstsein über individuelle Potentiale in der Gemeinschaft setzt voraus, dass die Individuen einen Bewusstseinswandel vollziehen, weg von einer reduzierenden, beziehungsweise defizitorientierten, hierarchischen und dominanzgeprägten Betrachtung des Miteinanders, hin zu einer verbundenen Betrachtung, in der Menschlichkeit und Liebe die Währungen sind.

Es hat zur Konsequenz, dass wir weder uns selbst, noch andere in ungesunde Arbeitsbedingungen zwängen müssen, sondern dass jeder auf seine Weise zu wertschätzendem Arbeiten beitragen kann.

Ein verbundenes menschliches Verständnis und Bewusstsein werden uns Algorithmen, die unsere Arbeit bewerten, nicht geben. Auch finden wir es nicht in einer noch so guten Bezahlung, wenn wir uns bei dem, was wir tun, abgelöst und fehl am Platz fühlen.

Wir können und sollten es aus unserem Inneren schöpfen.

 

Ich bin guter Dinge, dass die Sehnsucht nach Verbundenheit uns auch in Sachen Verdienst, Bezahlung und Wert von Arbeit schlauer macht.

Was ist deine Meinung?

Wie findest du sollte der Wert von Arbeit sich zukünftig entwickeln? Was hälst du für realistisch, was erscheint dir wichtig?

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Mashanti Alina.

 

Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen der Blogparade #newpay von CoplusX erschienen.

 

 

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